Ich entschuldige mich hiermit dafür, dass ich so lange nicht geschrieben habe, obwohl es wirklich viel zu erzählen gibt, aber nachdem Caro und ich zuerst die Zeit im Internet für die Planung unseres Weihnachtsurlaubs verwenden mussten, hatte ich danach so viel zu tun, dass ich kaum ins Internet konnte. Jetzt funktioniert aber teilweise die Tastatur meines Laptops wieder, deswegen kann ich auch zu hause wieder schreiben und das werde ich jetzt ausnützen.
Also zuerst kann ich ja mal über die Planung unseres Urlaubs berichten. Nach vielen Schwierigkeiten beim Buchen und bei der Terminfindung haben wir jetzt endlich einen Flug nach Kerala und einen Zug aus Kerala zurück gebucht (wobei der Zug mit nicht mal 5 Euro pro Person natürlich unschlagbar viel billiger ist) und dort wollen wir in zwei Wochen eine Backwaters- Tour machen, ein paar Tage am Strand verbringen und wenn möglich auch noch kurz einen Abstecher in die Berge, in einen berühmten Nationalpark, machen, in dem es noch recht viele Tiger, Elefanten und andere spannende Tiere gibt. Es wäre wirklich super, wenn das alles klappen würde, denn wann kommt man da schon noch mal hin… Kerala ist allerdings ziemlich weit von uns entfernt. Mit dem Flugzeug natürlich nicht, aber mit dem Zug brauchen wir mehr als 24 Stunden, weil wir natürlich auch noch ein paar Stunden Aufenthalt zwischendrin haben. Das wird sicher nicht ganz angenehm, aber immerhin sind wir zu dritt (Julia aus Khammam fährt mit uns, weil wir die einzigen Freiwilligen in Andhra Pradesh sind), deswegen kann es ja auch lustig sein. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf den Urlaub und denke, dass es wunderbar wird.
In letzter Zeit ging es hier richtig rund. Vom 3. bis zum 6. November hat das Council Meeting der Diözese Karimnagar stattgefunden, an dem wir halb teilgenommen haben. Es war recht interessant, weil es dabei auch um die Finanzen und die Projekte der Diözese ging, sodass Caro und ich mal sehen konnten, was hier wichtige Themen sind und dass die Kirche zumindest finanziell doch deutlich am Wachsen ist. Deswegen konnte der jetzige Bischof auch so viele soziale Einrichtungen (wieder-)eröffnen und er ist immer noch dabei: Seit wir hier sind, wurden ein Hostel und ein Frauen- Trainingszentrum, in dem sie lernen können, mit Computern umzugehen oder zu nähen, mit angeschlossener freier Abendklinik eröffnet. Die Frauenarbeit steht hier also auch sehr im Mittelpunkt und das finde ich sehr gut, weil die meisten Frauen hier- selbst wenn sie eine gute Erziehung genossen haben- nach ihrer Hochzeit nicht mehr arbeiten (dürfen) und weil Mädchen allein durch die Mitgiftforderung immer noch eine Last für ihre Familien sind. Auch in Filmen hier dürfen die Frauen meistens nur das liebe Hausmuttchen sein, das tugendhaft ist und emotional, aber nur sehr selten stehen selbstbewusste Frauen in einem positiven Licht. Ich will das jetzt nicht verteufeln und ich weiß auch, dass die Zusammenhänge komplexer sind, aber manches stört mich schon, auch wenn ich es nachvollziehen kann. Oft erlebe ich es auch, dass junge Männer ordentlich zu viel Selbstbewusstsein abbekommen haben und sich- vor allem gegenüber Frauen- geradezu unverschämt verhalten und junge Frauen sich dafür viel zu klein machen und wenn sie einfach nur angesprochen werden, sofort verlegen kichern und sich kaum trauen, etwas zu sagen. Ich fände es schön, wenn sich daran etwas ändern würde. Und der Kirche scheint es wirklich am Herzen zu liegen. Beim Council Meeting waren alle Pfarrer der Diözese eingeladen und ich habe hier in Karimnagar die ersten PfarrerINNEN getroffen. Leider waren es unter ca. 130 Männern nur drei Frauen, aber zwei davon waren noch sehr jung und es gibt immerhin Anlass zur Hoffnung, dass sich die Einstellung in der Hinsicht gerade ändert.
Weil Caro und ich nicht immer zu den Vorträgen beim Council Meeting kommen mussten, konnten wir am Donnerstag die Einladung zu einer Hindu- Hochzeit wahrnehmen, was uns sehr gefreut hat. Es war zwar anstrengend, aber natürlich total spannend. Die Hochzeit war- wie fast alle Hochzeiten hier- arrangiert und zwar haben zwei Angehörige der Vaisha- Kaste geheiratet. Der Bräutigam war Businessman und die Braut hatte keine Berufsausbildung. Sie gehören beide ziemlich reichen Familien an und das hat man an der Reichhaltigkeit des Essens und am Schmuck der Braut und der weiblichen Verwandten des Bräutigams deutlich gemerkt. Es waren sehr viele Menschen eingeladen und es war ein großes Fest mit einer sehr schönen Zeremonie, bei der auch weder die Braut noch der Bräutigam allzu traurig schien und es ist einfach toll, all die farbenprächtigen, glitzerverstärkten, schönen Rituale zu sehen ;). Lustig waren auch die Kameramänner und Fotografen (ja, es waren mehrere, wahrscheinlich um auch ja den/das perfekte Film/Bild von allem zu bekommen), die immer wieder die Zeremonie angehalten haben, um das Brautpaar gut vor die Linse zu bekommen….
Am Tag danach ist eigentlich nicht allzu viel Spektakuläres passiert, abgesehen davon, dass Caro und ich erfolgreich unsere erste große Kakerlake erledigt haben. Ich habe sie in meiner Medikamenten- Tüte gefunden und war etwas hysterisch, aber nachdem wir zuerst hauptsächlich gekreischt haben und uns auf Caros Bett gerettet haben (woraufhin die Kakerlake es sich auf meinem Schuh bequem gemacht hat), haben wir es dann geschafft, sie aus dem Zimmer zu fegen und zu erschlagen (sie war schon halb tot durch den Besen). Danach hatten wir wenigstens ordentlich etwas zu lachen, weil wir uns so blöd angestellt haben J.
Am 7. November war dann das 125-jährige Jubiläum der CSI Highschool (CSI steht für Church of South India), die auf demselben Gelände ist wie unser Hostel. Es hat mal wieder mit indischer Verspätung (1,5 Stunden in diesem Fall) angefangen, weil der Bischof davor noch einen anderen Termin hatte, war dann aber sehr nett. Leider wurden Caro und ich wieder mal als Ehrengäste behandelt, das heißt, wir sollten auf der Bühne sitzen und haben eine Blumengirlande umgehängt bekommen und einen Schal, was hier die traditionelle gastfreundliche Geste ist (inzwischen haben wir schon eine ziemlich große Sammlung an Schals, die wir- mit Einverständnis der Heimleiterin- den Mädchen im Hostel ausleihen, deren Eltern ihnen keine Pullover kaufen können, denn zur Zeit wird es abends schon recht kühl). Ich finde das zwar eine schöne Tradition, da man sich als Gast sehr willkommen fühlt, aber ich denke immer wieder, dass man mit dem Geld für die Blumen auch die Mädchen im Hostel besser ausstatten könnte oder sonst etwas sinnvolles tun könnte, weil diese Ehrungen teilweise wirklich inflationär verteilt werden. Wir haben in der letzten Woche beim Council Meeting, beim Schul- Jubiläum, in der Kirche und bei der Eröffnung des Skill- Training- Centers welche bekommen, obwohl wir dort eigentlich nichts Bemerkenswertes getan haben oder zum Beispiel in der Kirche schon einmal willkommen geheißen wurden. Naja, aber solche Traditionen muss man respektieren. Zurück zum Jubiläum: Nach dem Wortteil, in dem wir nicht viel verstanden haben, in dem aber ein wichtiger Politiker gesprochen hat, weil er ehemaliger Schüler dieser Schule ist (er wurde von zwei Polizeiautos eskortiert und hatte seine bewaffneten Leibwächter dabei, die hinter uns rumgelaufen sind) und nach dem Abendessen, hat der Teil mit dem sogenannten „Kulturprogramm“ stattgefunden, das ausschließlich aus Tanz bestanden hat. Das war aber richtig toll, denn etliche der Schüler und vor allem ein ehemaliger Schüler, konnten sehr gut tanzen, obwohl keiner von ihnen je Unterricht hatte: Sie haben sich das alles aus Videoclips im Fernsehen abgeschaut. Caro und ich haben sehr große Lust gehabt, selbst auch zu tanzen, aber das wäre nur auf der Bühne, sozusagen repräsentativ, möglich gewesen und so gut war ich dann auch nicht vorbereitet ;).
Am Schluss haben dann ca. 30 Jungs auf der Bühne getanzt und fast die Dekoration zerstört, Blumengirlanden herumgeschleudert- es wurde richtig ekstatisch. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass ihnen ein bisschen die Plattform für so etwas fehlt und Discos gibt es hier ja auch nicht…
Leider mussten die Hostel- Girls dann mitten in der Nacht noch essen- das, was die anderen übrig gelassen hatten, also Reis- und dann aufräumen, weil fast alle anderen Gäste schon gegangen waren. Weil es schon Mitternacht durch war, haben Caro und ich dann auch noch geholfen und Gott sei Dank noch ein paar andere Menschen, sogar die Rektorin der Schule.
Seit ein paar Tagen kommen wir jetzt auch in den Genuss, fernzusehen- leider immer während des Abendessens-, denn die Leiterin hat den Fernseher reparieren lassen. Deswegen müssen wir immer kitschige Filme oder Musikvideos ansehen. Hauptsache, den Mädchen gefällt es. Auf dem Tagesplan steht zwar, sie sollen in dieser Zeit Nachrichten schauen, aber das tun sie nur, wenn die Leiterin da ist, sogar die Helferinnen schalten immer schnell weiter, wenn sie aus Versehen auf einen Nachrichtensender stoßen… Während dieser Zeit gab es neulich einen kleinen Zwischenfall: Ein Mädchen kam aus dem Zimmer gelaufen und sagte, sie hätte eine Kobra dort gesehen. Es gab die größte Panik, bis sich schließlich herausgestellt hat, dass es nur ein Schatten am Fenster war, der zugegebenermaßen aussah wie eine Schlange, sich aber überhaupt nicht bewegt hat und somit leicht zu erkennen war… Uns wurde auch glaubhaft versichert, dass es in der Stadt kaum Schlangen geben würde, da hier einfach zu viele Straßen sind. Von Dörfern wurden uns allerdings schon richtig gruselige Geschichten über Kobras erzählt; sie müssen dort immer noch eine echte Gefahr sein...
Leider ist das immer noch nicht alles, was ich erzaehlen wollte, aber ich komme einfach nicht so viel zum Schreiben, unter anderem wegen der Stromausfaelle, die hier jeden Tag vier Stunden sind, aber ich muss mir ja auch Zeit nehmen, um all die tollen Dinge zu erleben ;).
Bis bald! Ich freue mich immer ueber mails oder Briefe (jaaaaa, der erste Brief ist hier angekommen, obwohl wir schon ganz die Hoffnung aufgegeben hatten! Es ist wahrscheinlich gut, die Adresse maschinell oder sehr deutlich in Grossbuchstaben zu schreiben.)
Namaskaram!
die Fotos:
1. meine Armreifen
2.die Braut muss so eine Art "Liebesperlen" auf den Braeutigam pusten3.das Brautpaar waehrend der Zeremonie