Ups, ich habe gerade bemerkt, dass ich noch gar nichts ueber meinen Geburtstag geschrieben habe, das werde ich so schnell wie moeglich nachholen! Aber jetzt erst mal viel Spass mit dem Eintrag, den ich schon zu hause geschrieben habe...
Hallo mal wieder. Entschuldigung, dass ich zur Zeit so selten schreibe, aber ich habe mit Weihnachtsvorbereitungen und anderen Aufgaben so viel zu tun, dass es zu mehr einfach nicht reicht. Dafür werde ich mir Mühe geben, diesmal möglichst viel zu berichten.
Also: Ich hatte Läuse, was ja eigentlich schon zu erwarten war. Aber da hier fast alle Menschen welche haben, konnte ich meine Hysterie recht gut in den Griff kriegen und sie mit Caros Hilfe und dem guten alten Goldgeist entfernen. Lustiger Weise hatte ich genau an diesem Tag gedacht, dass wir mal die Kinder ermutigen sollten, sich öfter zu lausen, da einige wirklich so viele Läuse haben, dass sie oben auf den Haaren rumkrabbeln und das ist ja nicht nur wegen der Ansteckung blöd, sondern auch wegen des Juckreizes und Entzündungen. Wir haben uns jetzt also vorgenommen, Läusekämme zu kaufen und darauf zu achten, dass sie sich gegenseitig lausen, vor allem die, die so viele haben. Manche achten auch sehr gut darauf. Die Leiterin des Hostels war ganz enttäuscht, dass ich gleich Chemie angewendet habe, denn sie meinte, ihr würde es solchen Spaß machen zu lausen, sie hätte mir auch alle entfernt. Das fand ich schon lustig ;). Soll sie sich lieber die Kinder vornehmen.
Am 25.11. hatten wir hier die erste Weihnachtsfeier der Saison ;). Wir sind mit allen Kindern und der Leiterin zur großen Kirche gelaufen und dort hat ein nicht enden wollendes Programm stattgefunden. Auch die Hostelmädchen haben einen sehr schönen Tanz dargeboten und Caro und mussten überraschend ein deutsches Weihnachtslied singen. Wir haben „vom Himmel hoch“ ausgewählt und sind auch erst bei der Übersetzung etwas ins Stocken gekommen… Ein sehr kleiner Junge, der in rotem Glitzerkostüm mit Handschuhen und Mütze ein Lied singen musste, war wirklich youtube- reif, denn er hat das ganze Publikum zum Lachen gebracht. Das Highlight war aber ganz klar das fast ausschließlich von Erwachsenen gespielte, oftmals unfreiwillig komische Krippenspiel- und das obwohl es ca. 1,5 Stunden ging! Das wiederum lag daran, dass es mit den Propheten angefangen hat, die Jesu Geburt ankündigen. Sie sahen sehr nett aus- etwa wie Taliban im Morgenmantel. Dann war es- abgesehen von den Kostümen- erstmal ziemlich langweilig und langatmig. Interessant nur, dass die Engel hier mit vorgestreckten Armen laufen wie Schlafwandler und dass hier andere Szenen in den Vordergrund gestellt werden als bei uns. Besonders gut gefallen hat mir die Szene, in der Maria und Joseph mit dem neugeborenen Jesus vor dem Stall saßen und die Engel vom Kirchturm zu den Klängen von „Stille Nacht“ Schnee aus Sprühdosen darauf herab gesprüht haben… Da musste ich mich schon ein bisschen zusammenreißen.
Am Donnerstag durften Caro und ich mit der Bischofsfrau nach Hyderabad fahren, um uns die Stadt anzusehen, shoppen zu gehen und um dort Weihnachtsgeschenke für die Mädchen zu kaufen. Zum Shoppen sind wir leider nicht so wirklich gekommen, aber wir haben T- Shirts und Unterwäsche für die Mädchen gefunden, beide einen schönen Stoff für ein Salwar Dress gekauft und ansonsten die Sehenswürdigkeiten von Hyderabad bestaunt. Die Stadt ist mit dem moderneren Secunderabad zusammengewachsen und wirkt ziemlich unruhig. Es gibt krasse Gegensätze zwischen ultramodern, reich und richtig alt, heruntergekommen, arm. Das ist mir noch viel mehr aufgefallen als in den anderen indischen Großstädten, in denen ich bisher war. Wir haben zum Beispiel einen Filmpalast angeschaut, in dem es von teuren Kleidermarken über italienisches Eis bis zur Geisterbahn alles gab- so etwas habe ich in Deutschland noch nie gesehen- und in Hyderabad sind auch die größten Filmstudios der Welt, aber auf der anderen Seite haben direkt neben unserer Unterkunft Menschen in Plastikhütten, umgeben von Müll, gewohnt und ich habe Bettler mit schrecklich unterernährten Kindern gesehen, an die ich immer noch denken muss, weil ich ihnen so gern geholfen hätte, aber wirklich keine Möglichkeit gesehen habe… Bei den Bettlern kann ich mir immer noch denken, dass es ihnen im Normalfall relativ gut geht und dass sie auch arbeiten könnten (ich habe von mehreren Menschen erzählt bekommen, dass sie es Bettlern direkt angeboten haben, gegen Geld zu arbeiten, oder sie in ein Heim zu bringen, dass sie es aber abgelehnt haben), aber diese kleinen Kinder bekommen natürlich den kleinsten Teil ab, weil sich zuerst ihre Eltern und Geschwister davon Alkohol, Drogen und Essen kaufen und sie können wirklich nichts zur Verbesserung ihrer Lage tun. Wenigstens gibt es vor Ort Menschen, die etwas für benachteiligte Kinder tun. So zum Beispiel die Familie, bei der wir netter Weise wohnen durften: Der Mann, Ruben, ist Professor für Theologie und seine Frau Priscilla Pfarrerin. Da sie beide leider geschäftlich unterwegs waren, hat sich die reizende Mutter von Ruben um uns gekümmert. Sie spricht hervorragend Englisch, weil sie Lehrerin dafür war und sie kümmert sich jeden Nachmittag um annähernd 50 Kinder von alleinerziehenden Müttern oder sehr armen Eltern, die quasi auf der Straße leben. Sie bekommen einen Snack, alles, was sie für die Schule und sonst brauchen (Lineal, Stifte, Schuluniform, aber auch Seife…) und haben eine Stunde Lernzeit, in der eine Lehrerin für sie da ist, um ihre Fragen zu beantworten. Ich finde dieses Engagement großartig. Die alte Dame hat uns auch interessantes über ihre sonstigen Tätigkeiten berichtet. Sie hat, als ihr Sohn schwer krank war, eine Gebetsgruppe gegründet, mit der sie ihn geheilt haben und seitdem hat diese Gruppe schon mehrere Wunderheilungen vollbracht, sagt sie. Wir kamen auf dieses Thema, als sie leider nicht mit uns Frühstücken konnte, weil eine Frau da war, mit der sie beten wollte, weil die vom Teufel besessen sei. Das hat dann im Nebenzimmer stattgefunden… Ich finde das schon interessant. Auch gerade diese Wunderheilungen. So wie sie es beschrieben hat, hatte ihr Sohn eine richtige Spontanheilung, bei der alle Betenden ein Licht und eine Hand gesehen haben, und dann ist er nach Jahren, in denen er nur liegen konnte, aufgestanden und war gesund. So nimmt man die Bibel wörtlich, würde ich sagen. Besonders spannend finde ich es, weil diese Menschen so eng mit der Kirche verbunden sind, so dass ich den Eindruck gewinne, dass das hier auch zur Kirche dazugehören kann, die ja so eine Mischung aus methodistisch, evangelisch und anglikanisch ist, während es bei uns von offizieller Seite, denke ich, eher verpönt ist und meines Wissens eigentlich nur bei charismatischen Bewegungen und Sekten etabliert ist …
Am Samstag haben wir dann unsere Sightseeing- Tour gemacht- natürlich begleitet, da uns immer wieder versichert wird, wie gefährlich es hier doch sei… Wir waren beim Golconda Fort, dem muslimischen Palast mit Festung aus dem 16. Jh., was wirklich eine Freude für das Archäologen- Herz ist: Wunderschöne Architektur und ein riesiges Gelände. Das ganze wurde erbaut, als die muslimischen Herrscher aus Delhi nach Hyderabad umsiedelten. Besonders beeindruckend fand ich die Vorstellung, dass auf der bronzenen Lotospflanze inmitten eines heutzutage eher unscheinbaren Brunnens viele winzige Edelsteine und Diamanten, sowie in der Blüte ein riesiger Diamant waren. Das muss ein unvorstellbarer Reichtum gewesen sein… Auch der legendäre riesige Diamant, der schließlich zerkleinert in der britischen Königskrone endete (da sieht man, was man vom Kolonialismus hat…), war im Besitz dieser muslimischen Herrscher… Der Tag war wirklich toll, auch wenn er mir ein bisschen Sonnenbrand beschert hat, aber allein, sich beim Aufstieg zur Burg mal endlich wieder zu bewegen und die fantastische Aussicht waren es wert ;). Übrigens weiß ich jetzt, woher das unmoralische Bild, das viele Inder von weißen Frauen haben, kommt. Nicht nur aus dem Fernsehen, sondern auch von den Touristinnen, die es nicht schaffen, sich vor ihrer Reise mal etwas über die Sitten eines Landes durchzulesen: Fast alle Ausländer, die wir dort gesehen haben, vor allem Frauen, waren wirklich nicht angemessen gekleidet. Von einer Amerikanerin (irgendwie hatte ich schon, bevor ich sie sprechen gehört habe, das unbestimmte Gefühl, sie sei eben das) haben wir sogar ein Foto gemacht, weil sie bei ihrer Kleidung in so etwa alle Fettnäpfchen getreten ist, die es gibt. Danach sind wir zu Hyderabads Wahrzeichen, dem Charminar (vier Türme) gefahren, wir sind aber nicht reingegangen, weil wir schon recht müde waren und aus Protest gegen den Eintrittspreis, der für Ausländer 20 mal so hoch ist wie für Inder! Daneben ist die sechstgrößte Moschee Indiens, die man getrost auch als Markusdom Indiens bezeichnen kann, so viele Tauben wie davor sind…. Was mich noch sehr interessiert hätte, wäre das Salar Jung Museum gewesen, das anscheinend sehr sehenswert ist, wo wir aber nicht reinkonnten, da Feiertag war. Ich muss also wieder kommen ;).
An diesem Tag haben wir auch zwei Motorrad- Unfälle gesehen. Der eine war nicht so schlimm, aber beim zweiten lag ein Mann auf dem Boden und hat furchtbar aus dem Kopf geblutet, während andere Menschen auf der Straße- wahrscheinlich im Streit um die Schuld- richtig aufeinander losgegangen sind. Der Verkehr war aber auch besonders chaotisch- im Vergleich zu Bengaluru zum Beispiel- und auch ich hätte mich sehr gerne angeschnallt, wenn es denn möglich gewesen wäre…
Außerdem war am Samstag, wie vielleicht einige wissen, das muslimische Opferfest, bei dem die Bereitschaft Abrahams gefeiert wird, seinen eigenen Sohn zu opfern. Alle müssen ein Schaf opfern. Deswegen waren auf der Straße ganze Schafherden, aber auch Menschen, die die Schaffelle schon verkauft haben und- besonders lecker- Blutlachen und die Eingeweide der Schafe aber auch von Kühen. Es hat unangenehm gerochen und war wirklich nicht sehr schön anzusehen. Wir haben sogar einen Lastwagen mit haufenweise Kuhschädeln gesehen… Ein richtiges Massaker.
Ansonsten war unser Aufenthalt in Hyderabad eher unspektakulär. Auf der Rückfahrt am Sonntag haben wir dafür erfahren, dass ein Politiker festgenommen wurde, der in den Hungerstreik getreten ist, weil er will, dass ein Teil des Bundesstaats Andhra Pradesh, in dem Karimnagar liegt, sich abspaltet. Er hat auch andere dazu aufgerufen zu hungern und zu demonstrieren. Deswegen war entlang der Strecke eine ungeheure Polizeipräsenz, denn dieser Mann wurde ausgerechnet in Karimnagar verhaftet, weil er bei seiner Familie war, die in der Nähe lebt. Die Bischofsfrau hat uns dringend geraten, nicht aus dem Haus zu gehen, da es zu Ausschreitungen kommen könnte. Außerdem wurde eine Art Notstandgesetz in Kraft gesetzt, nach dem keine Menschengruppen von mehr als zwei Menschen gemeinsam auf der Straße sein dürfen, alle Läden, Schulen etc. geschlossen sein müssen und nach dem man außerdem nur in dringenden Fällen überhaupt rausgehen sollte. Das war schon etwas unheimlich, zumal auch alle Busse nach und aus Karimnagar gestoppt wurden. Und tatsächlich waren am nächsten Tag schreckliche Bilder in den Zeitungen (die Pressezensur ist hier irgendwie anders), wie sich Menschen bei Demonstrationen in anderen Städten mit Kerosin übergossen und selbst angezündet haben(!), aus Protest von Häusern gesprungen sind, wie Busse attackiert wurden, Autos gebrannt haben etc.. Den ganzen Tag haben wir Sirenen gehört- heute übrigens auch noch- und teilweise sogar Schüsse. Dabei muss es in Karimnagar noch recht gemäßigt zugegangen sein und die größten Krawalle waren wohl in Khammam, Hyderabad und Medak… Heute war sogar ein Gehängter auf der Titelseite. Mich schockiert das schon immer wieder, dass man hier anscheinend Tote uneingeschränkt in die Zeitung bringen kann… Aber trotz allem fahren die Busse wieder, die Schulen sind wieder geöffnet und die Läden anscheinend auch. Deswegen haben Caro und ich beschlossen, vorsichtig in ein Internetcafé und auf den Obstmarkt zu gehen. Wenn ich das hier also gepostet habe, habe ich immerhin schon mal den Hinweg geschafft…
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